Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen, außer durch mehr Erfahrung.

Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen, außer durch mehr Erfahrung.

Ein regnerischer Sonntagmorgen. Es ist grau. Ich reibe mir die Augen. „Willkommen in Berlin“
, sage ich zu mir. Wann ist das Spiel?17:00! Alles klar. Nochmal umdrehen.
Schon Mittag oder noch Frühstück? Egal, irgendwas musst du essen.
Was weißt du über Rudow? Süden von Berlin! Guter Döner am Bahnhof! Scheiß Gegner! Gegen die sehen wir seit Jahren schlecht aus. Jung, schnell, technisch stark, alles was ich über mich nicht mehr sagen kann. Egal, das ist unsere Saison. Den Namen vom Barkeeper und den Platz direkt an der Bar hat noch niemand mit der Pubertät bekommen. Dein Atem muss lang sein und du brauchst Narben. Narben aus dem Kampf um die Plätze. Narben aus den Schlachten vor der Tür.
Das Team ist bereit. Rudow auch. Das hier ist unser Platz!

Anpfiff!
Heute war nichts mit Abtasten. Kein langsames Reinfühlen in die Partie. Die andere Seite war gut und wir begannen mit der 1-Reihe.
Und wir fingen an, als ob wir hier schnell für klare Verhältnisse sorgen wollten.
Nach 4 Minuten steht es 3:0. Rudow kam nur schwerlich ins Spiel und erzielte nach 4:25 seinen ersten Treffer.
Der Anschluss kam ebenfalls durch den am Punkt und von außen sicheren Nils Vergin, aber wir spielten munter und freudig auf und mit.
Hinten hatte wieder jeder sein Kettenhemd gebügelt und der zu Anfangs noch flatterige Max kam zusehends besser zurecht.
Zwar ließen wir beim 6:5 noch einmal Tuchfühlung zu, doch über die Stationen 8:5, 10:6 und 12:8 gingen wir mit einer gezogenen Zwei-Minuten Strafe für Rudow in die Katakomben.

Ausruhen war angesagt. Wir spielten gefällig und hatten auch nach Augenmaß diese Spiel unter Kontrolle, aber wir leisteten uns unnötige Fehler. Beiden Parteien hatten auf dem Feld viel Redebedarf, was durch einen Mangel an therapeutischer Unterstützung die beiden Unpartaiischen über sich ergehen lassen mussten. Wir wollten unsere erhitzten Gemüter schnell kühlen, aber genau so emotional in den zweiten Spielabschnitt gehen.

Die zweite Halbzeit fängt ähnlich an wie die erste.
Toren von Schubert, Zenker und Schubert entgegnete einzig Vergin eines per 7-Meter.
15:9 nach 36:30 und das seichte Gefühl auf der Tribüne: ab jetzt kann mans ja runterspielen.
So einfach war es jedoch leider nicht und Rudow wollte sich zu keinem Zeitpunkt vorzeitig geschlagen geben.
Die Intensität nahm nun mehr ihren Höhepunkt an.
Beide Abwehrreihen standen physisch nachdrücklich und der jeweils andere fand haltbare Argumente, die er dem Spielleiter ein ums andere Mal ausschweifend darlegen wollte.
Zwar blieb der Abstand beim 18:14 und beim 20:16 nach 46 Minuten konstant erhalten, aber zu keine Zeitpunkt wollte sich ein Ruhepuls einstellen.
Es waren wirklich sehr knappe 4 Tore, die stetig konsequent bestätigt werden wollten.
Dieses Gefühl wurde ernster beim Anschluss durch den starken Vergin auf 20:19.
Zu spielende Zeit noch 8 Minuten.
Spätestens jetzt brannte die Hütte. Beide Trainer waren die Ruhe selbst, analysierten scharf und nüchtern und hielten sich verbal stets zurück. Die Spieler beider Teams machten ihren Job. 21:19, 21:20, 22:20, 22:21…24:23 und noch 2:30 zu spielen.
Für uns die gleiche Situation wie vor 2 Wochen gegen Ajax.
Oder davor gegen Tegel. Oder davor gegen Neukölln. Oder…ach oder so viele Male in den unzähligen Jahren in dieser Liga.
Ob es am Ende an der Erfahrung liegt wird man nie herausfinden, aber im Sinne der Erzählung ist es genau das.
Rudow hat den Angriff zum Unentschieden und scheitert. Den Abpraller nimmer Schubert im Mittelblock auf und wird umgehend von Röder strafwürdig attackiert. +1 Tus, einen Spieler mehr und noch 1 Minute auf der Uhr. Der Angriff läuft herum, die Auslöse kommt zu einem Ende, Geißhardt wirft von außen und wird gefoult. 2-Minuten Rudow, 7-Meter TuS, 25:23 und noch 30 Sekunden zu spielen. Auszeit Rudow. Silbernagel versenkt zwar ca. 4 Sekunden nach dem Wiederanpfiff der Auszeit den Ball spektakulär zum Anschluss (vergleiche Titelbild Spielbericht von Rudow gegen OSF) aber mit 2 Mann weniger blieb den Gästen nichts anderes übrig, als bei offensiver Deckung jemanden werfen zu lassen. Dieser Jemand war Zielke und wer den letzten Spielbericht gelesen hat weiß, Zielke wirt 100%. 26:24 nach Abpfiff.

Zusammenfassung: Wir starten mit der vollen Kapelle und das formidabel. Setzen uns mehr und mehr bis auf 6 Tore ab. Am Ende wird es spannend, aber wir behalten die Nerven.
Klänge so einfach, ist es aber nur zum Teil. Dieses Spiel verläuft in größeren Phasen zu unseren Gunsten, aber gegen Ende kann Rudow es so ausgeglichen gestalten, dass von einer überlegenen Partie keine Rede mehr sein kann. Fakt ist aber auch: Wir geben kein einziges Mal die Führung aus der Hand oder lassen gar nur ein Unentschieden zu. Dieser Sieg geht auf die Cleverness und Erfahrung der Truppe. Die jungen Wilden von einst sind oder werden demnächst 30. Die meisten Spieler haben zwischen 8 und 10 Jahren Verbandsliga auf dem Buckel, in den Beinen und in den Köpfen. Alles gesehen, alles erlebt. Jedes Spiel schon 20 mal gespielt. Wir bekommen keine 2-Minuten-Strafe in der letzten Spielminute und wir machen die entscheidenden Plays.
Glückwunsch zu einem verdienten Sieg gegen einen guten Gegner. Nach Minuspunkten und direktem Vergleich grüßen die Hellersdorfer von Tabellenplatz 1 in der Verbandsliga. Im Vereinsheim stimmt der Abteilungsleiter langsam an:
Erste Runde Bukarest, zweite Runde Rom,
in Kopenhagen schellt das Telefon,
vielleicht nach Rotterdam, vielleicht nach Mailand,
vielleicht auch Teneriffa eine Woche Sandstrand!

Tore: Schubert (13/4), Wenzel, N., (4), Basler (4), Muth (3), Zielke (1), Zenker (1)